Von der Sehnsucht der lüsternen Nase
Im 18. Jahrhundert verlagerte sich der Mittelpunkt der Tabakkultur nach Frankreich, wo eine neue Form des Tabakgenusses Mode wurde - das Schnupfen.
Das Tabakschnupfen hatte bereits Fra Ramon Pane 1493 bei den Taino-Indianern auf Haiti beobachtet. In Europa wurde das Tabakpulver zunächst aus medizinischen Gründen gegen diverseste Leiden wie Zahnweh, Geschwüre, Läuse, ja sogar gegen die Pest, geschnupft. Bald entdeckte man jedoch, dass das Schnupfen des Pulvers neben seiner heilbringenden durchaus auch eine genussbringende Wirkung hatte. Um diesen Genuss zu steigern begann man das Tabakpulver durch Beimengung aromatischer Kräuter wie Rosmarin, Lavendel, Majoran, Salbei oder Nelken zu verfeinern. Auch Rosenöl oder Moschus erhöhten den Schnupfgenuss.
Eine ganz besondere Methode zur Herstellung von Schnupftabak entwickelten die Spanier und Portugiesen, die sogenannte Karottierung. Bei diesem Verfahren wurde nicht der bereits geriebene Tabak mit den Zusatzstoffen versehen, sondern die Tabakblätter selbst wochenlang in speziellen Soßen gebeizt und damit ein tiefes Eindringen der Duftstoffe in den Tabak erreicht. Anschließend wurden die Blätter zu einer Karotte, einem keilförmigen Zopf gepresst, der in einem monatelangen Fermentierungsprozess ein unvergleichlich feines Aroma entwickelte.
Diese exklusiven Tabake, die wesentlich teurer als die bereits geriebenen waren, kaufte man in Karottenform und der Schnupfer musste sich selbst mit Hilfe einer Raspe seinen Tagesbedarf abreiben. Daher erhielt der Schnupftabak international die Bezeichnung Rapé. Die Tabakraspen wurden entsprechend der Exklusivität der Schnupfkultur aufwendig gestaltet. Aus Holz mit Schnitzereien und Einlegearbeiten versehen, aus Elfenbein oder aus Email aufwendig bemalt versahen sie ihren Dienst.
Die kostspielige Schnupfkultur wurde vor allem vom Adel zum Gestus gesellschaftlicher Selbstdarstellung stilisiert, nicht zuletzt, um sich vom Volk, das weiterhin die einfache Tonpfeife rauchte, zu distanzieren. Entscheidender Bestandteil dieser Kultur war die Schnupftabakdose, Aufbewahrungsort des kostspieligen Pulvers. Diese kleinen, kostbaren Dosen wurden ähnlich wie der Stock oder der Fächer zum unverzichtbaren Bestandteil des modischen Erscheinungsbildes. Sorgfältig musste sie auf Kleidung, gesellschaftlichen Anlass, ja sogar auf die Jahreszeit abgestimmt werden. Zwangsläufig musste man eine Vielzahl dieser kostbaren Dosen besitzen um der gesellschaftlichen Etikett entsprechen zu können. Heinrich Graf Brühl, Direktor der Meißener Porzellanmanufaktur (1733 - 1756) besaß mehrere hundert Stück und im Nachlass Friedrich des Großen sollen sich 1500 der kostbarsten Exemplare befunden haben.
Ebenso wie dem Rauchen maß man auch dem Tabakschnupfen wesentliche Bedeutung in Bezug auf schöpferische, geistige Arbeit bei. Die Nase hatte in der Vorstellung der Aufklärung als direkter Zugang zum Gehirn, dem Sitz der Ratio, eine ganz besondere Bedeutung. Um nun den freien Zugang zur Nase zu ermöglichen, verwarf man sogar den Schnurr- und Knebelbart des 17.Jahrhunderts und rasierte sich die Oberlippe glatt. Allzu exzessives Schnupfen beeinträchtigte natürlich den Geruchssinn, was allerdings angesichts der damaligen hygienischen Verhältnisse kein großer Verlust war.
Die ersten Dosen die zur Aufbewahrung des Schnupftabaks dienten, dürften sich kaum von jenen unterschieden haben, die man für Schönheitspflästerchen, Pastillen oder den Streusand zum Löschen der Tinte verwendete. Erst im Laufe der Zeit kristallisierte sich eindeutig die Tabatière heraus, die sich vor allem durch ihren Verschluss von den Schminkdöschen und Bonbonieren unterschied. Das Mitnehmen der Dose erforderte einen gut verschließbaren Scharnierdeckel, der fest mit dem Dosenkörper verbunden war. Dosen mit abnehmbarem, losem Deckel waren eher für den Toilettentisch geeignet.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts stand schließlich das gesamte Kunsthandwerk im Dienste des Tabatièrenkults, wie Abraham a Sancta Clara sarkastisch bemerkte: "Goldschmied, Kupferschmied, Schlosser, Zinngiesser, Schnallenmacher, Kampeelmacher, Bein und Holzträxler, Tischler und Glaß macher ...fast alle Handwercks Leut (haben) nur mit Schnupff Tabacks-Bixen machen Arbeit genug..." 1
1 Abraham a Sancta Clara: Mercks, Wien, 1680
Ausstellungsobjekte (Auswahl)
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Satyrische Gedanken von der Pica Nasi oder von der Sehnsucht der lüstern Nase, Leipzig 1720
Johann Heinrich Cohausen 17,4 x 11,4 cm Inv. Nr. 174
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1716 verfasste Johann Heinrich Cohausen (1665 - 1750) diese Streitschrift, die sich gegen den Gebrauch des Schnupftabaks aus Gründen gesellschaftlicher Selbstdarstellung richtet. Nach Meinung des Autors sei das Tabakschnupfen nur aus medizinischen Gründen gerechtfertigt. Er führt im ersten Teil des Buches aus, dass der Missbrauch des Nasenpulvers auf eine Perversion des Geschmacks zurück zu führen sei und schildert im zweiten Teil die schädlichen Auswirkungen des Schnupftabaks die von Geruchsblindheit bis zur Taubheit reichen.
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Der Tabakschnupfer, Frankreich 1770
Künstler unbekannt öl auf Leinwand 65 x 52 cm Inv. Nr. 7962
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Eine kostbare goldene Schnupftabakdose wurde schnell zu einem Statussymbol, mit dem man sich gerne porträtieren ließ.
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Schnupfender Bürger, Deutschland um 1800
Künstler unbekannt öl auf Leinwand 77 x 62 cm Inv. Nr. 5998
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Auch die bürgerlichen Kreise folgten bald dem Vorbild der adeligen Gesellschaft und gingen vom Tonpfeiferauchen zum Schnupfen über. Auch sie fanden Gefallen an den kleinen, exquisiten Dosen und ließen sich damit porträtieren.
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Schnupftabakdose, Berlin 1755-65
Gold, Achat, Brillanten 8,8 x 7 x 4,3 cm Inv. Nr. 13052
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Die in Gold und Brillanten gefasste Dose stammt aus der legendären Dosensammlung Friedrichs des Großen. Diese Sammlung umfasste drei Gruppen: Golddosen mit reicher Treibarbeit und Brillanten, emaillierte Golddosen und die umfangreichste Gruppe der Steindosen. Dieser dritten Gruppe entstammt diese Dose, deren Provenienz sich lückenlos zurückverfolgen lässt.
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Schnupftabakdose, Paris 1780
Diverse Meisterzeichen Gold und Email 8,9 x 6,1 x 3,6 cm Inv. Nr. 164
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Im ausgehenden 18. Jahrhundert tritt die Kombination von Gold und Email häufig auf. Diese Dose zeigt in einem auf dem Dosendeckel eingelassenen Medaillon den Abschied Hektors von Andromache.
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Schnupftabakdose, Genf nach 1784
Meisterzeichen I.C.K. Gold, Email, Perlen 8,5 cm Inv. Nr. 159
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Das auf blau emailliertem Grund eingelassene Medaillon zeigt von Perlen umfasst Cupido und Psyche.
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Schnupftabakdose, Meißen um 1723-25
Blaue KPM Marke Porzellan, Silber 7 x 7,3 cm Inv. Nr. 2430
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Die ovale Dose zeigt ganz der Mode des 18. Jahrhunderts entsprechend, in feinster Porzellanmalerei gearbeitete Chinoiserien: auf dem Deckel Außen und Innen sind bis ins kleinste Detail geschilderte Hafenszenen zu sehen.
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Schnupfende Kavaliere, Böhmen um 1800
Porzellan, "BB 4432" und "BB 4431" 26 x 31 cm Inv. Nr. 1595
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Diese Porzellangruppe illustriert das Ritual des Schnupfens, das nach genau festgelegten Regeln durchgeführt werden musste. Der Besitz einer kostbaren Dose war noch keine Garantie für die Eleganz ihres Eigentümers. Erst der richtige, anmutige Gebrauch der Dose zeugte vom Geschmack und gesellschaftlichen Schliff des Besitzers.
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Der aufrichtige Materialist und Specerey-Händler...
P. Pomet (Übersetzer) 434,3 x 22,7 Inv. Nr. 172
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Diese Publikation des frühen 18. Jahrhunderts enthält unter anderem diverse Rezepte für die Zubereitung von Schnupftabak.
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Schnupftabakdose, Berlin um 1765
Daniel Chodowiecki (1726 - 1801) Email, Kupfermontierung 8,3 x 6,2 x 3,7 cm Inv. Nr. 2427
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Daniel Chodowiecki, einer der Stars der Tabatièrenmalerei, war der bestbezahlte Emailleur Berlins und fertigte auch Dosen für Friedrich den Großen an. Diese signierte Dose zeigt auf den Außenseiten Genreszenen mit eleganten Paaren, die in einem Park spazieren. Die Innenseite des Deckels schmückt das Porträt einer Dame bei der Toilette.
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Schnupftabakdose, Italien um 1800
Elfenbein 7,2 x 5 x 1,8 cm Inv. Nr. 2630
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Diese figurale Dose in Form einer Krabbe zeugt von genauester Detailbeobachtung.
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Schnupftabakdose, St. Cloud 18. Jh.
Weichporzellan, Silber 6,5 x 6,9 x 5,2 cm Inv. Nr. 3952
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In St. Cloud spezialisierte man sich auf die Herstellung von figuralen Dosen aus Weichporzellan, das im Gegensatz zu Hartporzellan weniger Kaolin enthält. Besonders beliebt waren Dosen in Tierform, vor allem Affen und Katzen.
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Schnupftabakdose, St. Cloud 18. Jh.
Weichporzellan, Silber 7,2 x 5 x 6,4 cm Inv. Nr. 7846
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Die Dose ist in Form einer auf einer blühenden Wiese liegenden Schäferin gestaltet.
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Schnupftabakraspe, Dieppe um 1720
Elfenbein 18,6 x 3,5 x 1,3 cm Inv. Nr. 7835
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Die Tabakraspen, die man benötigte um sich den Tagesbedarf an Schnupftabak von einer Tabakkarotte abreiben zu können, sollten in Material und Ausführung der Exklusivität der Dosen entsprechen. Diese aus Elfenbein gearbeitete Raspe zeigt kunstvolle Schnitzereien.
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Dosendeckel, Deutschland 1735
Pierre Fromery (1659 - 1738) Email, Gold 6,1 x 3,3 cm Inv. Nr. 13044
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Typisch für den aus Berlin stammenden Pierre Fromery sind Dosen mit feinteiligem, teilweise in Gold ausgeführtem Dekor. Dieser Deckel trägt die Signatur des Künstlers.
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Schnupftabakdose, Berlin 1. Hälfte 18. Jh.
Werkstatt Fromery Email, Gold 5,8 x 2,8 cm Inv. Nr. 13045
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Auch diese aus der Werkstatt Fromerys stammende Dose zeigt den typischen, teilweise vergoldeten Dekor.
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Schnupftabakdose, Deutschland 1760
Email, Kupferfassung 7 x 5 x 5,9 cm Inv. Nr. 13046
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Diese Doppeldeckeldose, die zwei Kammern besitzt, erlaubte ihrem Besitzer zwei unterschiedliche Sorten Schnupftabak mit sich zu führen.
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Schnupftabakdose, österreich 4. V. 18. Jh.
Papiermaché, Lack 9,7 x 6,1 x 2,4 cm Inv. Nr. 7986
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Diese Lackdose zeigt auf dem Deckel die Fassade das Schlosses Schönbrunn mit der Gloriette im Hintergrund.
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Schnupftabakdose, österreich um 1800
Achat, Goldfassung 8 cm Inv. Nr. 2655
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Diese Achatdose besitzt eine besonders aufwändige Goldfassung, die den gesamten Dosenkörper überzieht. Sie zeigt auf dem Deckel Mars zwischen zwei Harnischen mit einer Fahne und der Standarte des Hl. Römischen Reichs. Die Wandungen der Dose sind mit Millitaria geschmückt.
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Schnupftabakdose, Neapel ca. 1725
Schildpatt, Silber 7,5 x 5,4 x 1,1 cm Inv. Nr. 3961
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Diese mit Silberpiqué gearbeitete Dose zeigt eine Szene aus der Geschichte Davids und Batshebas. Piqué bezeichnet eine bestimmte Technik bei der kleinste Gold-, Silber- oder Perlmuttblättchen in Schildpatt oder Elfenbein eingelegt werden.
