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Meerschaum - Die weiße Göttin

Eines der exquisitesten Materialien, das man zur Herstellung von Pfeifen entdeckte war der Meerschaum. Lange Zeit gab dieses seltsame Material Rätsel über seine Herkunft auf. Johann Wiegelb erklärte 1781 wie es zu der irreführenden Bezeichnung Meerschaum gekommen war: "Sie (die Substanz) soll Keffekil, in der tartarischen Sprache, oder Myrsen genannt werden, aus welchem letzteren Namen sehr leicht durch Mißverständnis das Wort Meerschaum entsprungen seyn kann." 1

Für den flüchtigen Betrachter erscheint die matt schimmernde milchweiße Oberfläche des Meerschaums wie Elfenbein. Tatsache ist jedoch, dass es sich bei Meerschaum um ein Verwitterungsprodukt des Serpentins mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Sepiolith handelt, das man unter der Erdoberfläche, in einer Tiefe von bis zu vierzig Metern, in Form von Knollen findet. Der Hauptfundort ist bis heute Eskisehir in Anatolien.

Die speziellen Eigenschaften, die den Meerschaum als Material für Pfeifen so geeignet machten, hatte man schnell zu schätzen gelernt: Das poröse Material nahm das beim Rauchen entstehende Kondensat leicht auf und ermöglichte ein trockenes, kühles und mildes Rauchen. Ein weiterer Vorteil des Materials lag in seiner Weichheit, die die Bearbeitung leicht machte und aufwendige Verziehrungen gestattete. Der Meerschaum kam im 18.Jh. zunächst nur in Form bereits grob zugeschnittener Pfeifenköpfe nach Europa. Diese frühen Meerschaumköpfe zeigen türkische Grundformen und nur einfache, reliefierte Ornamentik. Durch den zunehmenden Import roher Meerschaumknollen und die Entwicklung neuer Techniken in der Bearbeitung eröffneten sich jedoch bald unzählige Möglichkeiten in der Gestaltung und die Meerschaumschneiderei avancierte schnell zu einer eigenen Sparte hochwertigen Kunsthandwerkes.

Können die deutschen Städte Lemgo und Ruhla für sich in Anspruch nehmen die ersten Meerschaumköpfe in Serie hergestellt zu haben, so gebührt Wien ab dem beginnenden 19.Jahrhundert der Führungsanspruch hinsichtlich der künstlerischen Qualität.
Wien machte die Meerschaumpfeife zum exklusiven Modeartikel, zum Galanterieobjekt, das jeder elegante Raucher zu besitzen trachtete. War die Schnupftabakdose das Prestigeobjekt des 18.Jahrhundert, so nimmt im 19.Jahrhundert die Meerschaumpfeife diesen Platz ein. Johann Strauß etwa ließ sich in exzentrisches Rot gekleidet mit passendem Hut und Meerschaumpfeife porträtieren. Schon bald war die Meerschaumpfeife nicht mehr nur Rauch- sondern auch Sammelobjekt. Friedrich Schlögel läßt in seiner "Wiener Luft aus dem Volksleben der alten Kaiserstadt" einen Wiener schwelgen: "Ich hab' einmal achtundzwanzig Köpf beisamm'g'habt, darunter ein paar Exemplar mit vierzig und fufzig Gulden." Bedenkt man, das fünfzig Gulden in etwa dem heutigen gegenwert von rund 500 Euro entsprechen, stellen achtundzwanzig Meerschaumköpfe bereits ein kleines Vermögen dar.

Um den Reiz einer gut geschnittenen Meerschaumpfeife erst richtig zur Geltung zu bringen, bedurfte es höchster Sorgfalt und Geduld beim Einrauchen. Um die begehrte, gleichmäßige Einfärbung, die von Honiggelb bis Kirschrot reichen konnte, zu erlangen brauchte man Zeit. Wem diese Prozedur des Einrauchens zu mühsam war, der konnte auch einen bereits eingerauchten Kopf kaufen. Sydon Noltze, einer der Stars der Wiener Meerschaumschneider, beschäftigte in seinem Geschäft eigene Einraucher, die seinen Stücken bereits vor dem Verkauf die begehrte honiggelbe Patina verliehen.

Die Wiener Meerschaumarbeiten erreichten bei den Weltausstellungen die höchsten Auszeichnungen, und ihre Qualität blieb von den Produkten anderer Länder unerreicht. Bald erzeugte man in Wien jährlich "100.000 Duzend Meerschaumpfeifen", wovon der größte Teil ins Ausland exportiert wurde. Das hohe Niveau der Wiener Arbeiten lag paradoxer Weise zum Teil in der katastrophalen Lage der bildenden Künste im Wien des beginnenden 19.Jahrhundert begründet.
Da es bis zum Ausbau der Ringstraße kaum öffentliche Aufträge gab, mussten sich viele Bildhauer ihren Lebensunterhalt mit dem Schneiden von Meerschaumpfeifen verdienen: "andere Sachen wurden damals in Wien gar nicht verlangt", beschreibt der Bildhauer Emanuel Max Ritter von Wachstein, der später bei der Gestaltung des Arsenals mitwirkte, die Situation in seinen Lebenserinnerungen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen neuer Rauchgewohnheiten, die wie die Zigarette der Schnelllebigkeit der beginnenden Moderne Rechnung trugen, verschwindet die Zeit und Muße fordernde Meerschaumpfeife von der Bildfläche.

1 J.Wiegelb: Chemische Untersuchungen des sogenannten Meerschaums. In: D. L. Crell: Die neuesten Entdeckungen in der Chemie, Leipzig 1782
2 Friedrich Schlögl: Wiener Luft, Culturbilder aus dem Volksleben der alten Kaiserstadt an der Donsu, Wien o.J.
3 E. Max R. von Wachstein: Zweiundachtzig Lebensjahre, Prag 1893


Ausstellungsobjekte (Auswahl)

Prunkpfeife, Wien um 1873 Prunkpfeife, Wien um 1873
Fa. J. N. Menhard
Meerschaum, Silber, Deckel mit Halbedelsteinen, Bernstein
25 x 24 cm
Inv. Nr. 186
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Diese große Wiener Meerschaumpfeife wurde für die Wiener Weltausstellung 1873 als Schaustück angefertigt. Der Pfeifenkopf hat die Form eines gotischen Turmes, der reich mit Maßwerk und figuralem Dekor verziert ist. In den Arkaden stehen paarweise Allegorien der Kunst, der Wissenschaft, des Handels und der Technik. In den fein gearbeiteten Deckel sind vier Bernsteinmedaillons eingelassen, die den österreichischen Doppeladler, den Kaiserpavillon, die Weltausstellungsrotunde und die Firmensignatur darstellen. Die reiche Silbermontierung zeigt als Bekrönung des Deckels die österreichische Reichskrone. Dieses Schaustück wurde als eines der ersten Stücke der tabakhistorischen Sammlung von der österreichischen Tabakregie angekauft.
Lit. Austria Tabak - Die Sammlung, Wien 1991, p. 71.

Prunkpfeife, Wien um 1845 Prunkpfeife, Wien um 1845
Peter Johann Nepomuk Geiger (1805 - 1880)
Meerschaum, Bernstein
23 x 51 cm
Inv. Nr. 13032
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Diese exklusive Meerschaumpfeife hat die Geschichte des Mazeppa zum Inhalt. Sie ist ein Werk des Bildhauers und Meerschaumschneiders Johann Nepomuk Geiger und nach einer Vorlage von Horace Vernet um 1845 angefertigt. Mazeppa, Page am polnischen Hof König Johann Casimirs, wurde zur Strafe, wegen einer Affäre mit einer verheirateten Aristokratin, nackt auf einen wilden Hengst gebunden und in die Steppe gejagt.
Literatur: Austria Tabak - Die Sammlung, Wien 1991, p. 76.

Große Meerschaumknolle Große Meerschaumknolle
Inv. Nr. 6895
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Die Knollen werden mittels eines scharfen Messers – Tara genannt – abgeschabt und anschließend mit Filz poliert. In einer anschließenden Trocknungsphase gewinnen sie an Härte und nehmen ihre typische weiße Farbe an. Nach mehrmaligem Polieren mit unterschiedlich feinen Tüchern werden die Knollen mit einer Mischung aus Fett und Wachs poliert und anschließend einer Qualitätskontrolle unterzogen.

Pater Linhard, österreich 1849 Pater Linhard, österreich 1849
Franz Rheinhold (Wien, 1816 - 1893)
öl auf Leinwand
61 x 47,6 cm
Inv.Nr. 1711
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Der Landschaftsmaler Franz Reinhold ist der Autor dieses 1849 entstandenen Porträts von Pater Linhard, dem Erzieher der Grafen Kukacs. Er raucht seine Zigarre aus einem ungewöhnlichen Meerschaumspitz, der die Form einer Gesteckpfeife hat.

Fiakerkutscher, österreich 1910 Fiakerkutscher, österreich 1910
Fritz Schönpflug (1873 - 1951)
Zeichnung, coloriert
21,4 x 13,5 cm
Inv.Nr. 1854
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Schönpflug, Chronist des Wiener Volkslebens, zeigt den typischen Wiener Fiaker mit Meerschaumzigarrenspitz und Bier.

Wiener Bürger im Frack, österreich 1910 Wiener Bürger im Frack, österreich 1910
Fritz Schönpflug (1873 - 1951)
Zeichnung, coloriert
21 x 15,7 cm
Inv.Nr. 1863
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Die vergleichsweise kostspielige Meerschaumpfeife wird rasch zu einem begehrten Statussymbol, mit dem sich der elegante Wiener auch gerne öffentlich im Kaffeehaus zeigt.

Entwurf für einen Zigarrenspitz in Pfeifenform Entwurf für einen Zigarrenspitz in Pfeifenform, österreich um 1880
Aquarell auf Karton
53 x 64 cm
Inv.Nr. 5768
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Der Entwurf zeigt unter dem Motto "Bilsenkraut und Mohn" einen elegant geschnittenen Zigarrenspitz mit Bernsteinmundstück.

Zigarettenspitz, Prag 19. Jh. Zigarettenspitz, Prag 19. Jh.
Fa. E. Czapek
Meerschaum, unterschiedlicher Bernstein, mit Etui
13,5 x 10,4 cm
Inv.Nr. 3985
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Der Zigarrenspitz in Form eines pfeiferauchenden Jockey's mit Reitgerte und überschlagenen Beinen zeigt jene nur durch sorgfältiges Einrauchen erreichbare, begehrte honiggelbe bis kirschrote Verfärbung des Meerschaums.

Zigarrenspitz, 1. V. 20. Jh. Zigarrenspitz, 1. V. 20. Jh.
Fa. Ostpreußische Bernsteinindustrie
Meerschaum, Bernsteinmundstück; mit Etui
9,3 x 3,8 cm
Inv.Nr. 8044
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Der Spitz mit der plastischen Darstellung eines wütenden Ebers über einem toten Hund ist ein Beispiel für die Themenvielfalt im Dekor der Meerschaumarbeiten.

Pfeife, um 1900 Pfeife, um 1900
Meerschaum, Bernsteinmundstück (sechsteilig), Silbermontierung
13,7 x 33 cm
Inv.Nr. 7374
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Dem Genre der Porträtpfeife entstammt dieser vollplastisch geschnittene Pfeifenkopf mit den Zügen Kaiser Wilhelm I. mit deutscher Reichskrone, der neben der qualitätsvollen Meerschaumschnitzerei auch eine reiche Bernsteinschnitzerei aufweist.

Pfeife, Wien 1851 Pfeife, Wien 1851
Sydon Noltze
Meerschaum. Silber, punz. Marke IF
24,7 x 4,3 cm
Inv. Nr. 3240
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Der zweiteilige Pfeifenkopf stammt aus dem Pfeifengeschäft des Pfeifenkünstlers Sydon Noltze, des enfant terrible der Wiener Meerschaumszene. Eine Anekdote charakterisiert den keinerlei Kritik vertragenden, exzentrischen Künstler: Einer seiner Stammkunden wagte Bedenken über die Qualität einer Pfeifenbohrung anzumerken, da sich der Meerschaumkopf beim Rauchen ungleichmäßig färbte. Noltze zerbrach kurzerhand den immerhin 40 Gulden teuren Meerschaumkopf um die Richtigkeit der Bohrung zu demonstrieren.

Pfeifen in Tschibukform, Deutschland um 1750 Pfeifen in Tschibukform, Deutschland um 1750
Meerschaum, Horn, mit Etui
17 x 2,6 und 18 x 2,8 cm
Inv. Nr. 7035
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Die ersten Meerschaumpfeifen folgten in ihrer Form den Tonpfeifen und den frühen Porzellanpfeifen. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte die Meerschaumpfeife ihre charakteristischen Formen und reichen ornamentalen und figuralen Dekor.

Zigarrenspitz, Wien um 1870 Zigarrenspitz, Wien um 1870
Meerschaum, Bernstein
31,7 x 13 cm
Inv. Nr. 3987
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Dieser prächtige Zigarrenspitz spielt in seinem Dekor, der die Nereiden Thetis, Galathea und Amphitrite zeigt auf seinen irreführenden Namen an. Man nahm nämlich ursprünglich unter anderem an, Meerschaum wäre tatsächlich der getrocknete Schaum der Meereswellen.

Johann Strauß Sohn, österreich um 1896 Johann Strauß Sohn, österreich um 1896
Franz von Bayros (1866 - 1924)
öl auf Karton
37,5 x 29 cm
Inv. Nr. 6814
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Der Autor des mondänen Porträts von Johann Strauß, ist der in Zagreb geborene Franz von Byros, der in Wien bei Christian Griepenkerl studierte. Der Walzerkönig zeigt sich in exzentrisches Rot gekleidet mit passendem Hut und einer prächtigen Meerschaumpfeife.

Pfeifenraucher, Wien 1835 Pfeifenraucher, Wien 1835
F. Spitzer
Aquarell auf Karton
24 x 18,5 cm
Inv. Nr. 4139
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Ein qualitätsvoller Meerschaumkopf war im 19. Jahrhundert nicht nur ein Prestigeobjekt mit dem man sich gerne porträtieren ließ, sondern er wurde auch bald ein begehrtes Sammelobjekt.

Zigarrenspitz, Wien 1873 Zigarrenspitz, Wien 1873
Meerschaum, Bernstein, Silber, mit Etui
40 x 6,5 cm
Inv. Nr. 2900
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Der den Kampf eines Eingeborenen mit einer Riesenschlange zeigende, überlange Zigarrenspitz wurde für die Wiener Weltausstellung 1873 angefertigt, wie die Inschrift des Etuis "Exhibition 1873 Vienna" verrät.

Zigarrenspitz, Wien 1870 Zigarrenspitz, Wien 1870
Meerschaum, Bernstein
18,7 x 6,5 cm
Inv. Nr. 338
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Das Blatt- und Rankenschnitzwerk dieses Zigarrenspitzes demonstriert die hohe Kunstfertigkeit der Wiener Meerschaumschnitzer, die schon bei der Weltausstellung 1851 in London Aufsehen erregten.

Pfeife, Wien 1879 Pfeife, Wien 1879
Meerschaum, Silber
27 x 30 cm
Inv. Nr. 7640
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Dieser Prunkpfeifenkopf mit reicher Silbermontierung, der die Porträts Kaiser Franz Josefs I. und Elisabeths ziert, wurde anlässlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares angefertigt. Über den Porträts befindet sich das Allianzwappen und in der Beuge des Kopfes eine Allegorie Ungarns.

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